Niemals selten manchmal immer

In fast dokumentarischer Manier beschreibt Eliza Hittman, wie ein 17jähriges Mädchen aus dem ländlichen Amerika eine ungewollte Schwangerschaft beendet. Ausgezeichnet auf der Berlinale 2020 mit dem Silbernen Bären.
Schon die ersten Szenen machen die Verhältnisse deutlich: In der Schulaula singt die 17jährige Autumn den Folk-Song „He’s got the Power/ Er hat die Macht“ – und wird plötzlich unvermittelt von einem Mitschüler lautstark als Schlampe beschimpft. Empörung löst dies im Publikum nicht aus, auch Autumns Mutter (Sharon Van Etten) und ihr Stiefvater (Ryan Eggold) reagieren nicht.

Es ist eine patriarchalische Welt, die Hittman zeigt, eine Welt, in der sich Mädchen wie Autumn oder ihre etwa gleichaltrige Cousine Skylar (Talia Ryder) fortwährend unerwünschter Avancen oder gar Übergriffe erwehren müssen. In der die Weltanschauung des Patriarchats aber auch von Frauen aufrechterhalten wird. Etwa der Ärztin, die Autumn in ihrer kleinen Heimatstadt ein Video zeigt, das Abtreibung unmissverständlich mit Mord gleichsetzt.

Unterstützung hat Autumn hier also nicht zu erwarten und so kratzen sie und Skylar all ihr Geld zusammen und machen sich auf den Weg nach New York. Hier sind die Gesetze (noch) liberaler, hier kann auch eine 17jährige auf legalem Weg eine Abtreibung durchführen lassen. Hier kommt es auch zu der Szene, die dem Film seinen Titel gibt, eine minutenlange Frage und Antwort-Runde, bei der es um Autumns Erfahrungen mit Sex, schließlich auch um erfahrenen Missbrauch geht. Konnte sie vorher noch mit niemals, selten, manchmal oder immer antworten, stockt sie nun und bricht in Tränen aus.

Weder hier noch an anderen Stellen geht Hittman in die Tiefe, doch oberflächlich ist ihr Film in keinem Moment. Durch ihren pragmatischen Stil, der komplett auf Pathos und Melodrama verzichtet, zeigt Hittman vielmehr die Strukturen der Gesellschaft auf, die bis zur Selbstverständlichkeit verinnerlicht sind. Dass es Autumn schließlich gelingt, ihr Recht auf eine Abtreibung zu bekommen, ist letztlich nicht das Entscheidende, denn ihr Recht auf ein freies Leben, ohne Übergriffe oder Belästigungen wird auch weiterhin verletzt werden.

Quelle: programmkino.de / Michael Meyns

Großbritannien, USA 2020
Regie: Eliza Hittman
Darsteller: Sidney Flanigan, Talia Ryder, Théodore Pellerin
102 Minuten
ab 6 Jahren

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Trailer NIEMALS SELTEN