Geplante Erstaufführungen in den nächsten Wochen:

voraussichtlich ab Donnerstag 29.10.
Wildherz - Auf der Reise zu mir selbst
Kajillionaire
Schwesterlein
Und morgen die ganze Welt
voraussichtlich ab Donnerstag 5.11.
Matthias & Maxime
Doch das Böse gibt es nicht
Resistance - Widerstand
voraussichtlich ab Donnerstag 12.11.
Rosas Hochzeit
Driveways
voraussichtlich ab Donnerstag 19.11.
Moskau einfach!
David Fincher: Mank
Die Unbeugsamen
Das perfekte Schwarz
Die Adern der Welt
voraussichtlich ab Donnerstag 26.11.
Curveball
Falling
Ein nasser Hund
The Nest - Alles zu haben ist nie genug
Was geschah mit Bus 670?

Voraussichtlich ab Donnerstag 29.10.

Wildherz - Auf der Reise zu mir selbst

Nach „Die Magie der Wildpferde“ entführt uns Regisseurin Caro Lobig erneut in die Welt der galoppierenden Vierbeiner, denn auch Protagonistin Simone Hage weiss, alles Glück der Erde liegt auf dem Rücken…

Sie ist gerade mal 20 Jahre alt, voller Lebensfreude, aber ohne Plan unterwegs: Simone Hage verkörpert vieles, wonach sich andere sehnen. Sie macht, was sich die meisten Menschen nicht trauen. Die Bayerin hat mit 16 die Schule abgebrochen, um alleine mit dem Rucksack durch die Welt zu reisen. So richtig zurück in ihr kleines Dorf in der Nähe von München kam sie seitdem nicht mehr. Simone will mehr: Die Welt entdecken, von anderen Menschen lernen statt Bücher zu lesen, den Sinn ihres Lebens finden - und jeden Tag aufs Neue hinterfragen. Doch wo findet man die Antworten auf die großen Fragen des Lebens?
Simone wandert mit zwei Wildpferden von Bayern 1500 Kilometer hoch an die Ostsee, verbringt den Winter in Dänemark - bis es sie ein paar Monate später wieder zurück in die Berge nach Bayern zieht. Auf ihren Reisen nach Österreich, Spanien und Portugal verliert sie sich zunehmend mehr, statt sich zu finden und am Ende will sie nur noch eines: Wissen, was ihre Aufgabe in diesem Leben ist.
Simone gesteht sich immer mehr ein, dass das Reisen nicht immer nur Ausdruck ihres offenen Herzens und ihres Freiheitsdrangs war, sondern oft auch eine Flucht. Am Ende steht sie sich selbst gegenüber - und ist bereit, nicht mehr wegzulaufen.

Dokumentarfilm, Deutschland 2020
Regie: Caro Lobig
mit Simone Hage
93 Minuten
ohne Altersbeschränkung


Voraussichtlich ab Donnerstag 29.10.

Kajillionaire

Mit der schrullig schönen Lovestory „The Future“ verzauberte Miranda July einst die Berlinale und landete einen veritablen Arthaus-Hit. Elf Jahre dauerte es bis zum nächsten Streich, die kreative Tausendsassa-Künstlerin ist schließlich noch als Autorin und Performance-Künstlerin aktiv.

Gleich das erste Bild gerät zum optischen Triumph, gleichsam ein Gruß aus der visuellen Küche der stilbewussten Filmkünstlerin. Der orangefarbene Bus fährt zur Haltestelle vor dem babyblauen Post-Gebäude. Kaum sind die Passagiere ausgestiegen, sieht man das Familien-Trio, das jene Filiale überfallen wird. Kein großer Coup, vielmehr kleine Trickdiebstähle, bei denen Päckchen aus Schließfächern gemopst werden. Der Inhalt entpuppt sich meist als schnöder Kleinkram. Lukrativer läuft die Masche, gestohlene Briefe als vermeintliche Fundsache an die Besitzer zurückzubringen.
Raffiniert sowie mit akrobatischem Körpereinsatz schleicht die schrecklich diebische Familie täglich an ihrem Vermieter vorbei, um peinliche Nachfragen nach den Mietschulden zu vermeiden. Umgekehrt ertragen sie klaglos, wenn regelmäßig rosaroter Schaum der benachbarten Seifenblasen-Fabrik durch die Decke dringt. Die gemütliche Kleinkriminalität findet ein jähes Ende, als in der Postfiliale eine Überwachungskamera installiert wird. Schnell kommen neue Ideen, zum Beispiel Flugzeuggepäckentwendung samt Versicherungsbetrug. Papa Robert lernt bald die charmante Melanie kennen. Man versteht sich nicht nur blendend, spontan steigt die junge Frau sogar in den Familienbetrieb ein.

Eine Familienaufstellung à la Miranda July fällt erwartungsgemäß denkbar unkonventionell aus. Da will der Vater etwa gemeinsam mit Melanie nackt in den frisch ergaunerten Whirlpool steigen, den er auf einer Toilette aufgestellt hat. Die hinzukommende Gattin reagiert überrascht, reicht jedoch freundlich die Handtücher. Strenger ist die Frau Mama mit der Tochter, als diese ihr 1.500 Dollar anbietet, damit sie endlich einmal ein liebevolles Kosewort zu ihr sagt. „Du willst Leute mit falschen freundlichen Fassaden aus uns machen!“, reagiert die Mutter schroff.

Bei ihrem dritten Kinostreich erweist sich July einmal mehr als ebenso eigenwillige wie einfallsreiche Kino-Poetin mit einem großen Herz für ihre etwas sonderbaren Figuren.

Quelle: programmkino.de / Dieter Oßwald

USA 2020
Regie: Miranda July
Darsteller: Evan Rachel Wood, Gina Rodriguez, Debra Winger
106 Minuten


Voraussichtlich ab Donnerstag 29.10.

Schwesterlein


Nach „Das Vorspiel“ und „Pelikanblut“ der nun bereits dritte Kinofilm innerhalb weniger Monate mit der großartigen Nina Hoss. Neben ihr brilliert der Feuilleton-Tausendsassa Lars Eidinger, der uns ebenfalls erst vor ein paar Wochen als SS-Offizier in „Persischstunden“ begeisterte. „Schwesterlein“ lief unter anderem in diesem Jahr im Wettbewerb der Berlinale.
Lisa (Nina Hoss), einst umtriebige und brillante Theaterautorin, schreibt nicht mehr, kann nicht mehr schreiben, ist leer oder steckt fest. Sie lebt mit ihrer Familie in der Schweiz, hat sich auf ein anderes Leben eingelassen - doch ihr Herz ist in Berlin geblieben – ganz besonders bei ihrem Zwillingsbruder Sven (Lars Eidinger), einem berühmten Bühnendarsteller. Seit dieser an einer aggressiven Leukämie erkrankt ist, sind die Geschwister noch enger verbunden. Lisa weigert sich, den Schicksalsschlag hinzunehmen und setzt alle Hebel in Bewegung, um Sven wieder auf die Bühne zu bringen. Er ist ihr Seelenverwandter, für den sie alles andere vernachlässigt. Selbst als ihre Ehe in Schieflage gerät, hat sie nur Augen und Aufmerksamkeit für ihren Bruder, in dem sich ihre tiefsten Sehnsüchte spiegeln: Er weckt in ihr das Verlangen, wieder kreativ zu sein, sich lebendig zu fühlen, sich ausdrücken zu können, im künstlerischen Kontext.

Mit SCHWESTERLEIN ist den Schweizer Regisseurinnen Stéphanie Chuat und Véronique Reymond ein aufwühlendes Drama gelungen, das sich voll und ganz auf seine überragenden Hauptdarsteller verlassen kann: Nina Hoss und Lars Eidinger – erstmals gemeinsam vor der Kamera – verkörpern das innige Geschwisterpaar voller Glaubwürdigkeit und leidenschaftlicher Intensität. Eine berührende Liebeserklärung an die Kunst und die belebende Kraft der Kreativität.

Schweiz, Deutschland 2020
Regie: Stéphanie Chuat, Véronique Reymond
Darsteller: Nina Hoss, Lars Eidinger, Marthe Keller
99 Minuten


Voraussichtlich ab Donnerstag 29.10.

Und morgen die ganze Welt

Nach dem Arthaus-Überraschungserfolg „Hannas Reise“ ist Regisseurin Julie von Heinz mit ihrem neusten Kinofilm auch bei uns zu Gast. „Und morgen die ganze Welt“ berichtet von einer jungen Frau, die aus Widerstand gegen deutsche Nationalisten in ein linkes Milieu abdriftet, das auch Gewalt für ein probates Mittel der politischen Ausdruckskraft hält.
Luisa (Mala Emde) ist 20 Jahre alt, stammt aus gutem Haus und studiert Jura im ersten Semester. Sie möchte, dass sich etwas verändert in Deutschland. Alarmiert vom Rechtsruck im Land und der zunehmenden Beliebtheit populistischer Parteien, tut sie sich mit ihren Freunden zusammen, um sich klar gegen die neue Rechte zu positionieren. Schnell findet sie Anschluss bei dem charismatischen Alfa (Noah Saavedra) und dessen besten Freund Lenor (Tonio Schneider): Für die beiden ist auch der Einsatz von Gewalt ein legitimes Mittel, um Widerstand zu leisten. Bald schon überstürzen sich die Ereignisse. Und Luisa muss entscheiden, wie weit zu gehen sie bereit ist - auch wenn das fatale Konsequenzen für sie und ihre Freunde und ihre Familie haben könnte.
Inspiriert von persönlichen Erlebnissen und Begebenheiten, hat Julia von Heinz nach „Hannas Reise“ erneut zusammen mit ihrem Ehemann John Quester das Drehbuch zum Film verfasst. In der Hauptrolle fasziniert Mala Emde, die uns vor zwei Jahren bei den Open Air Kinonächten am Schloss Gottesaue für den Film „303“ einen Besuch abstattete. Sie spielt die kämpferische junge Frau, die sich mit den Gegebenheiten in Ihrem Umfeld nicht arrangieren kann und bald vor einer politisch-gesellschaftlich gefährlichen Radikalisierung steht. In Sturm und Drang stehen ihr Noah Saavedra ("Freud"), Tonio Schneider und Luisa-Céline Gaffron ("Als Hitler das rosa Kaninchen stahl") bei.
Das brisante Politdrama lief im Wettbewerb der 77. Internationalen Filmfestspiele in Venedig und eröffnete die diesjährigen Hofer Filmtage.

Deutschland 2020
Regie: Julia von Heinz
Darsteller: Mala Emde, Noah Saavedra, Tonio Schneider
111 Minuten
ab 12 Jahren


Voraussichtlich ab Donnerstag 5.11.

Matthias & Maxime

Matthias und Maxime sind schon seit ihrer Kindheit beste Freunde und können sich gar nicht vorstellen, plötzlich getrennte Wege zu gehen. Doch das Erwachsenwerden bedeutet Veränderung und so zieht es Maxime für längere Zeit nach Australien.

In den Tagen vor seiner Abreise ziehen die beiden im Kreis ihrer Freunde von einer Party zur nächsten. Als eine ihrer Freundinnen, eine Filmstudentin, für ihren neuesten Kurzfilm noch zwei Schauspieler sucht, werden Matthias und Maxime kurzerhand und nicht ganz gegen ihren Willen engagiert. Der Knackpunkt des Ganzen? Die beiden Freunde müssen sich vor der Kamera küssen und dies bringt plötzlich alles ins Wanken.

Ungeahnte und unterdrückte Gefühle erwachen, die die beiden vor Entscheidungen und Herausforderungen stellen, die unüberwindbar scheinen. Denn während Matthias sich krampfhaft gegen seine Gefühle zu wehren versucht, wächst in Maxime mehr und mehr der Wunsch, Matthias noch näher zu kommen, bevor sie der Ozean endgültig trennt. Gibt es für die beiden doch noch ein Happy End?

Kanada 2019
Regie: Xavier Dolan
Darsteller: Xavier Dolan, Gabriel DAlmeida Freitas, Micheline Bernard
119 Minuten


Voraussichtlich ab Donnerstag 5.11.

Doch das Böse gibt es nicht

Mohammad Rasulofs engagiertes Episoden-Drama ist eine couragierte, unaufdringlich gefilmte Abrechnung mit dem autoritären, unterdrückenden iranischen System. Der Film wirft wichtige Fragen auf und überrascht mit vielen Wendungen: Goldener Bär 2020!

Der Zuschauer nimmt in vier Geschichten an den Schicksalen unterschiedlicher Menschen im Iran teil: „There is no evil“ handelt von Heshmat (Ehsan Mirhosseini). Er ist ein liebender Vater und Ehemann, der pflichtbewusst seiner Arbeit nachgeht. Doch ist sein Leben wirklich so normal, wie es von außen wirkt? Im Zentrum von „She said, you can do it“ steht der junge Pouya (Kaveh Ahangar). Er hat vor kurzem seinen Militärdienst in einem Gefängnis begonnen. Einen Menschen in den Tod zu schicken kann er sich jedoch nicht vorstellen. In „Birthday“ geht es um den Soldaten Javad (Mohammad Valizadegan) und seine Freundin. Eigentlich steht ein freudiges Ereignis bevor, denn Javad möchte seiner großen Liebe an deren Geburtstag einen Antrag machen. Doch bei seiner Ankunft ist die Stimmung getrübt. Und in „Kiss me“ erhalten der iranische Arzt Bahram (Mohammad Seddighimehr) und seine Frau Besuch aus Deutschland: Bahrams Nichte kommt vorbei. Dort erfährt sie einige unerwartete Dinge über ihren Onkel. Auch, wieso er seinen Beruf nicht mehr ausübt.

Für Rasulof, der in seiner Heimat mit Arbeitsverbot belegt ist und nicht selbst zur Berlinale anreisen durfte, ist die höchste Auszeichnung des Festivals sicherlich eine Genugtuung. Denn ebenso sein siebter Spielfilm handelt, wie viele seiner Werke zuvor, vom restriktiven politischen System im Iran, in dem Einzelschicksale wenig zählen und die Bewohner vom Staat zu unmenschlichem Handeln gezwungen werden. Wie in der zweiten Episode, „She Said, You Can Do It“, in der Pouya einen verurteilten Häftling hinrichten soll. Es ist die stärkste, kraftvollste Episode, in der Rasulof klarmacht: Widerstand und ein „sich wehren“ gegen die Obrigkeit und totalitäre Strukturen sind möglich. An einer Stelle des Films heißt es: „Sagen wir nein, zerstören die unser Leben.“ Doch leistet man den Aufträgen und Befehlen folge, wird das eigene Leben langfristig auch zerstört. Denn man handelt gegen seine eigenen Überzeugungen. Aus diesem Dilemma müssen alle Protagonisten der vier Episoden, die inhaltlich kaum miteinander verknüpft sind, einen Ausweg finden.


Quelle: Björn Schnieder / programmkino.de

Iran, Deutschland 2020
Regie: Mohammad Rasoulof
Darsteller: Baran Rasoulof, Shahi Jila, Kaveh Ahangar
152 Minuten
ab 12 Jahren


Voraussichtlich ab Donnerstag 5.11.

Resistance - Widerstand

Bewegendes Drama um den späteren sehr erfolgreichen Pantomimen Marcel Marceaux, der im Zweiten Weltkrieg vehement versuchte, jüdische Kinder in Sicherheit zu bringen. In der Hauptrolle ein verblüffender Jesse Eisenberg („The Social Network“).
Ende 1938 in Deutschland wird das Mädchen Elsbeth Zeugin der skrupellosen Ermordung ihrer jüdischen Eltern durch Nazis in der "Reichskristallnacht". Parallel sehen wir auf der Grenzbrücke zu Frankreich Mitarbeiter der jüdischen Hilfsorganisation 123. Diese warten auf jüdische Waisen. Sigmund, der Nachkömmling des Straßburger Fleischerei-Inhabers Charles Marceau überredet seinen Bruder, den Pantomimen Marcel, bei der Sicherung der Kinder in einem Schloss zu auszuhelfen. Nach dem Überfall Deutschlands auf Polen 1939 reagiert Frankreich in den Grenzregionen zu Deutschland und lässt die Bevölkerung Straßburgs in den Süden Frankreichs evakuieren. Marcel, sein Bruder und die beiden Schwestern Emma und Mila betreuen dabei die Unterbringung der jüdischen Waisen. Aus der ursprünglichen Schutztruppe für die Kinder wird nach der Besetzung Frankreichs ein Teil der Résistance im Vichy Frankreich. Als dieser Teil des Landes von Obersturmführer Klaus Barbie besetzt und mit Terror durchzogen wird, gilt es für die Freunde, die Kinder in die Schweiz zu retten.

Jesse Eisenberg überzeugt mit seinem darstellerischen Talent - mit seiner Sensibilität und Resolutheit - eine Rolle, die man ihm so ohne weiteres nicht zugetraut hätte. Die künstlerischen Darstellungen sind verblüffend, gekonnt und voller Seele. Resistance ist wunderbares Schauspielerkino vom Feinsten. Auch Matthias Schweighöfer als exekutiver Nazi Klaus Barbie ist eine Wucht: Dämonische Drohgebärden und freundlichst lächelnder Mimik gehen Hand in Hand.
Die französisch-amerikanische Produktion erzählt von den Helden der Resistance, die sich gegen den Faschismus stellten und es geschafft haben, viele jüdische Kinder vor dem Dritten Reich außer Landes zu bringen und zu retten. Regisseur Jonathan Jakubowicz inszeniert zusammen mit seinem Kameramann Miguel Littin-Menz eine bedrückend spannende Atmosphäre, in denen die Angst der im Untergrund Lebenden vor der Entdeckung durch die Nazis unmittelbar spürbar wird. Diese überaus wichtige Geschichte der Resistance wird mit taktvoller Gewichtung und dem richtigen Gefühl aufgezeigt: Man versteht, dass jeder einzelne als Teil einer Bewegung Verantwortung tragen und die Welt zu einem besseren Ort werden lassen kann. Der Film verbeugt sich also nicht nur vor einem großen Künstler, sondern appelliert an die Mündigkeit eines jeden, um für das Richtige einstehen.

Großbritannien, Frankreich 2020
Regie: Jonathan Jakubowicz
Darsteller: Jesse Eisenberg, Clémence Poésy, Matthias Schweighöfer
122 Minuten
ab 12 Jahren


Voraussichtlich ab Donnerstag 12.11.

Rosas Hochzeit

“Eine Tragikomödie, die von der ersten bis zur letzten Szene mitten ins Herz trifft, unentrinnbar, perfekt auf allen Ebenen, kostbar, unterhaltsam, mitreißend, absurd, lustig und erschreckend, teuflisch glücklich. Wie das Leben selbst… Candela Peña ist spektakulär!“ EL PAÍS
Am Anfang von ROSAS HOCHZEIT stand ein Artikel im Guardian über eine japanische Agentur, die auf die Organisation ungewöhnlicher Hochzeiten spezialisiert war: Trauungszeremonie, Eheversprechen, Gäste, Fotos ... allerdings ohne Partner oder Partnerin. Es ging um Hochzeiten mit sich selbst. Gemeinsam mit der Autorin Alicia Luna, mit der sie schon die Drehbücher zu „Öffne meine Augen“ und „El Olivo“ geschrieben hatte, fing Regisseurin Iciar Bollain an, sich mit dem Phänomen der Selbstheirat zu beschäftigen. „Als wir anfingen zu recherchieren, haben wir bald festgestellt, dass diese Hochzeiten mit sich selbst seit Jahren weltweit verbreitet sind. In Spanien trafen wir uns mit einer wunderbaren Frau, May Serrano, die sich vor Jahren selbst geheiratet hatte und seitdem diese Art von Hochzeiten organisiert. Sie erzählte von ihren Erfahrungen und brachte uns in Kontakt mit anderen Frauen. Es hat uns sehr geholfen, von diesen Frauen zu erfahren, wie sich das für sie anfühlte und was ihre Motivationen waren.“ erzählt Iciar Bollain.

Zum Film: Kurz vor ihrem 45. Geburtstag beschließt Rosa, dass es Zeit für einen radikalen Wandel in ihrem Leben ist. Immer hat sie für die anderen gelebt, in ihrem Job als Kostümbildnerin bis zum Umfallen gearbeitet, den Vater zum Arzt begleitet, sich um die Kinder ihres Bruders gekümmert. Knall auf Fall verlässt sie Valencia, um sich im alten Schneiderladen ihrer Mutter im kleinen Küstenort Benicassim den Traum vom eigenen Atelier zu erfüllen. Aber es ist nicht so leicht, das Leben in die eigenen Hände zu nehmen. Ihr Vater, die Geschwister, ihr Freund und ihre Tochter, alle mit eigenen Plänen und Problemen: Das Handy hört gar nicht mehr auf zu klingeln. Rosa beschließt, ein Zeichen zu setzen: Sie will heiraten. Und diese Hochzeit wird eine ganz besondere sein. Mit ROSAS HOCHZEIT ist Iciar Bollain („YULI“) ein Überraschungs-Hit in Spanien gelungen: Eine dramatische Komödie, die Geschichte einer Befreiung, mit einem herausragenden Ensemble, allen voran der umwerfenden Candela Peña – „ein Film in der besten Tradition des spanischen Kinos, unterhaltsam, mediterran, fröhlich.“ (PÚBLICO)

Spanien 2020
Regie: Icíar Bollaín
Darsteller: Candela Peña, Ramón Barea, Paloma Vidal
97 Minuten


Voraussichtlich ab Donnerstag 12.11.

Driveways

Eine Mutter reist gemeinsam mit ihrem achtjährigen Sohn zum Haus ihrer verstorbenen Schwester, um den Nachlass zu regeln. Ein Vorhaben, dass sich rasch als langwierig entpuppt: Das Haus ist bis unter die Decke vollgepackt mit Dingen und Habseligkeiten. Die Entrümpelung wird darum einige Zeit in Anspruch nehmen – Zeit, die der Bub nutzt, um Freundschaft mit einem alten, einsamen Nachbarn zu schließen.
Eigentlich hatte Kathy (Hong Chau) gemeinsam mit ihrem achtjährigen Sohn Cody (Lucas Jaye) nur eben schnell den Nachlass ihrer verstorbenen Schwester April regeln wollen. Doch als sie an einem Spätsommerabend nach langer Autofahrt das Haus, außerhalb einer Kleinstadt im US-Staat New York gelegen, erreicht, ist sie bass erstaunt. Der Strom ist abgestellt, im Dunkeln ist kaum etwas zu erkennen. Der alleinerziehenden Mutter bleibt nichts anderes übrig, als erst einmal mit ihrem Sohn im Motel zu übernachten. Tags darauf offenbart sich dann die Bescherung: Das Haus ist vollgepackt mit Kram, bis zur Zimmerdecke stapeln sich die Habseligkeiten. Missmutig bestellt Kathy einen großen Container, krempelt die Ärmel hoch und beginnt mit der Arbeit. April war offensichtlich ein Messie, sie konnte einfach nichts wegwerfen. Der sensible und schüchterne Cody hingegen schließt, zögerlich zunächst, Freundschaft mit einem Nachbarn: Del, ein 83-jähriger Kriegsveteran, der schon vor Jahren seine Frau verloren hat. Sie reden viel miteinander, sie leisten sich Gesellschaft. Doch irgendwann ist das Haus leer und renoviert. Plötzlich ist sich Kathy nicht mehr sicher, ob sie es wirklich verkaufen will. Und auch Del muss eine schwere Entscheidung treffen.
Diesen alten Mann spielt Brian Dennehy, der im April diesen Jahres starb. Dies ist einer seiner letzten Filme. „Driveways“ ist also fast so etwas wie sein Vermächtnis, in dem es um Trauer und Verlust geht, um die Bürde des Alters und die Last der Erinnerung, aber auch um Nähe und Freundschaft.
Es ist schon erstaunlich, wie zurückgenommen und unaufgeregt Regisseur Andrew Ahn „Driveways“ inszeniert hat. Seine Autoren Hannah Bos und Paul Thureen entwerfen glaubwürdige Figuren, die in lebensnahen, präzisen Dialogen ihre Geschichten erzählen.

Quelle: Michael Ranze / programmkino.de

USA 2019
Regie: Andrew Ahn
Darsteller: Chau Hong, Lucas Jaye, Brian Dennehy
85 Minuten
ohne Altersbeschränkung


Voraussichtlich ab Donnerstag 19.11.

Moskau einfach!



Zürich 1989. Ein braver Polizeibeamter soll im Schauspielhaus Informationen über linke Theaterleute sammeln. Doch je mehr er hinter den Vorhang schaut, desto weniger glaubt er an seinen Auftrag. Der Fichenskandal folgt auf den Fuß – wunderbar spröde Komödie aus der Schweiz!

Während in Berlin bald die Mauer fällt, überwacht in der Schweiz im Sommer 1989 die Geheimpolizei Hunderttausende ihrer eigenen Bürger. Viktor (Philippe Graber), ein braver Polizeibeamter, wird von seinem Vorgesetzten Marogg (Mike Müller) verdeckt ins Zürcher Schauspielhaus eingeschleust, um Informationen über angebliche linke Theater- und Kulturschaffende zu sammeln. Er soll Beweise liefern, um eine „demokratiefeindliche“ Gesinnung zu stützen und den Kern der Gruppierung überführen. Als er sich in die Schauspielerin Odile (Miriam Stein) verliebt, jene Person, die er eigentlich observieren soll, gibt es kein Zurück mehr: Er muss sich entscheiden zwischen seinem Auftrag und seinem Herzen.

Als Bundesrat Moritz Leuenberger am 24. November vor 30 Jahren den Bericht der PUK zur "Affäre Kopp" präsentierte, liess er eine Bombe platzen. Dienstbeflissene Beamte hatten während des Kalten Krieges über 900000 "Staatsschutzfichen" angelegt, da eine gesellschaftliche und politische Unterwanderung durch Moskau vermutet wurde. Sie dokumentierten alles, was in ihren Augen irgendwie "links", unkonventionell und damit "unschweizerisch" war. Der Fichenskandal in seiner Willkür und Banalität war für Regisseur Micha Lewinsky der ideale Nährboden für seine neue Komödie.
„Dieser Skandal ist bis heute nicht als Spielfilm aufgearbeitet worden“, erklärt Regisseur Micha Lewinsky. „Viele Junge wissen kaum noch, was damals passiert ist. Dabei ist das Thema aktueller denn je.“ Micha Lewinsky betont, dass es ihm wichtig war, die Geschichte als Komödie zu erzählen: „Wenn man heute liest, welche Daten da im Detail gesammelt wurden, ist das stellenweise einfach zum Lachen - auch wenn es damals natürlich ernsthafte Konsequenzen für die Betroffenen hatte."

Schweiz 2020
Regie: Micha Lewinsky
Darsteller: Miriam Stein, Philippe Graber, Michael Maertens
99 Minuten


Voraussichtlich ab Donnerstag 19.11.

David Fincher: Mank

USA 2020
Regie: David Fincher
Darsteller: Gary Oldman, Amanda Seyfried, Lily Collins, Tuppence Middleton, Tom Burke


Voraussichtlich ab Donnerstag 19.11.

Die Unbeugsamen

Die spannende und bewegende Chronik westdeutscher Politik von 1950 bis zur Wiedervereinigung ist ein Dokumentarfilm, wie er hellsichtiger und aktueller nicht sein könnte. Obwohl die Geschichte der Frauen in der Bonner Republik ein historisches Zeitdokument ist, wirft dieser unbedingt sehenswerte Rückblick in Zeiten von MeToo um Machtmissbrauch und sexuelle Gewalt ein Schlaglicht auf das immer wieder zurückgedrängte Thema Emanzipation und Feminismus.

Bonn 1961. Die Republik schien manchen noch gemütlich. Politiker machten Fehler, sie hatten Geliebte, doch darüber wurde gemunkelt, nicht berichtet. Für die Frauen war Bonn weniger gemütlich. Denn die Bonner Bundesrepublik ist eine absolute Männerbastion. Selbst in seinem vierten Kabinett, zwölf Jahre nach Gründung der Bundesrepublik, will Kanzler Konrad Adenauer keine Frau sehen. Und das obwohl die Berufung überfällig ist. Aber zustande kommt sie nur unter Druck. CDU-Frauen belagern mit einer Sitzblockade den Kabinettsaal. Sie drohen solange zu bleiben bis ihre Forderung erfüllt wird. Da alle vorgesehenen Ressorts bereits vergeben waren, schaffen die Koalitionäre schnell ein neues: Die Frankfurter Juristin Elisabeth Schwarzhaupt wird die erste Chefin eines Gesundheitsministeriums. Unmittelbar nach ihrer Ernennung sagt Schwarzhaupt in einem Fernsehinterview statt mit „Frau Minister“ finde sie es logischer mit „Frau Ministerin“ angesprochen zu werden. „In diesem Kreis sind auch Sie ein Herr!“ wies Adenauer freilich, die erste deutsche Ministerin zurecht.
Auch Jahre später wirkt das Bonner Bundesdorf wie ein Treibhaus für Chauvinismus und sexuelle Übergriffe. Den ganz normalen Sexismus im Parlament zeigen die Archivaufnahmen von der ersten Rede der Grünen Abgeordneten Waldtraud Schoppe. Mit ihr bricht sie ein Tabu und zahlt dafür einen hohen Preis. Als sie die Strafbarkeit von Vergewaltigung in der Ehe fordert und das Ende des „alltäglichen Sexismus hier im Parlament“, gleicht der Bundestag einem Tollhaus. Der grölende, feixende Männermob rastet aus. Johlen, Schenkelklopfen und Zwischenrufe wie „Hexe, so was hätte man früher verbrannt“, „Du willst es doch nur besorgt bekommen“ ertönen. Erst 1997 wird Vergewaltigung in der Ehe ein Straftatbestand.

Regisseur Torsten Körner arbeitet ohne eine belehrende und erläuternde Stimme aus dem Off. Dramaturgisch eingängig aufeinander aufgebaut funktioniert seine exzellente Montage des Bild- und Archivmaterials trotzdem.

Quelle: Luitgard Koch / programmkino.de

Dokumentarfilm
Deutschland 2020
Regie: Torsten Körner
104 Minuten
ohne Altersbeschränkung


Voraussichtlich ab Donnerstag 19.11.

Das perfekte Schwarz

Viele Assoziationen weckt der Begriff Schwarz, von der aktuellen Black-Lives-Matter-Bewegung über schwarze Löcher bis zum Schwarz der Nacht, das in westlichen Breiten gar nicht mehr so schwarz ist. Ein vielfältiges Thema also, das Tom Fröhlich in seinem essayistischen Dokumentarfilm „Das perfekte Schwarz“ weiträumig behandelt und dabei sechs Menschen porträtiert, die sich auf unterschiedliche Weisen mit dem Thema Schwarz beschäftigen.


Vor einigen Jahren herrschte Aufregung in der Kunstwelt: Der britische Künstler Anish Kapoor, bekannt für gigantische, einfarbige Skulpturen, hatte sich das Recht auf die Nutzung der Farbe Vantablack gesichert, ein Schwarz, das 99,965% des Lichts absorbiert, also fast perfekt Schwarz ist.
Vielleicht hat Tom Fröhlich an Kapoor gedacht, als er mit der Arbeit an seinem Film begann, denn zumindest einer seiner Protagonisten verfolgt ähnliche Ziele: Der Drucker Dieter Kirchner, der nach einer schweren Augenverletzung zwar teilweise blind ist, aber besonders die Tiefen des Schwarz noch gut erkennen kann. Denn gerade für den Druck von Zeitungen, Zeitschriften und vor allem Bildbänden ist möglichst schwarzes Schwarz von entscheidender Bedeutung für die Qualität. Je tiefer das Schwarz, desto kräftiger wirken im Kontrast die anderen Farbtöne, man denke nur an die aus Kostengründen schon lange eingestellte Tiefdruckbeilage der FAZ.

Doch auch Kunstfotografen, die ihre oft in schwarz-weiß entstandenen Aufnahmen in möglichst brillanter Qualität gedruckt sehen wollen, verlangen nach einem schwarzen Schwarz, das Kirchner schließlich in der Natur fand: In einem Vulkanopsidian. Die Obsession, mit der Kirchner jahrelang auf der Suche war, verbindet ihn mit anderen Personen, die in „Das perfekte Schwarz“ porträtiert werden, der Meeresbiologin Antje Boetius etwa, die in den Tiefen des Meeres forscht. Dort, wo kein Sonnenstrahl hinunterreicht, findet sich dennoch eine erstaunliche Artenvielfalt und vielleicht auch manche Antwort auf die Rätsel der menschlichen Existenz.

Antworten auf diese Fragen sucht auch der Astrophysiker Eike Günther, allerdings in entgegengesetzter Richtung: Mittels eines riesigen Teleskops blickt er in die Weiten des Weltalls und forscht an schwarzen Löchern, jenen seltsamen Objekten, die so schwer sind, dass sie alles was ihnen zu nahe kommt förmlich aufsaugen, inklusive des Lichts. Gerade in diesem Nichts können Physiker Antworten auf die Entstehung des Universums finden, wo andere nur schwarz sehen, sehen sie sozusagen das Licht der Erkenntnis.


Quelle: Michael Meyns / programmkino.de


Dokumentarfilm
Deutschland 2020
Regie: Tom Fröhlich
79 Minuten
ohne Altersbeschränkung


Voraussichtlich ab Donnerstag 19.11.

Die Adern der Welt

Regisseurin Byambasuren Davaa (Oscarnominierung für „Die Geschichte vom weinenden Kamel“) serviert ihr Spielfilmdebüt mit einer berührenden, generationenübergreifenden Familiengeschichte: In der mongolischen Steppe träumt der kleine Amra von einem Auftritt bei einer Fernsehshow - aber auch das Eindringen internationaler Bergbauunternehmen bedroht den ursprünglichen Lebensraum und die Traditionen der Nomaden.


Jeden Tag bringt Vater Erdene seinen Sohn Amra, 12, im selbstgebauten Cabrio mit Mercedesstern durch die Weite der mongolischen Steppe zur Schule. Anschließend fährt er zum lokalen Markt in der Umgebung Töv Aimags, ca. 250 km westliche von Ulaanbaatar, wo er den von seiner Frau Zaya selbstgemachten Ziegenkäse verkauft und Autos und Generatoren repariert. Amra träumt wie viele seiner MitschülerInnen von der Teilnahme am Mongolia’s Got Talent- Wettbewerb und davon, mit seinem Lied ins Fernsehen zu kommen. Dazu braucht der Junge die Unterschrift seiner Eltern. Doch den Vater plagen gerade ganz andere Sorgen: Er will im Rat der Nomaden über die Erhaltung ihres Lebensraumes beraten. Dazu, davon ist er überzeugt, müssen die Nomaden geeint gegen die internationalen Minengesellschaften vorgehen, die auf ihren Weideflächen nach Gold schürfen wollen. Zaya hält einen solchen Kampf für aussichtslos. Deshalb plädiert sie dafür, das Weideland ihrer Ziegen zu verkaufen und wegzuziehen, bevor der Lebensraum nichts mehr wert ist und sie als einzige zurückbleiben. Sie glaubt immerhin an das Versprechen der Minengesellschaft, dass das ausgebeutete Land renaturiert werden wird. Erdene dagegen sieht nachhaltige Rettung des Heimatbodens nur durch den solidarischen Widerstand der Nomaden gegen die wachsende Macht der Schürflizenznehmer. Er will mit seiner Familie in der Jurte am angestammten Ort bleiben, wo meist Zaya gemeinsam mit Amras kleiner Schwester oder auch er selbst mit seinem Sohn die Ziegen hütet – dort, wo sie als Familie glücklich sind. Doch die Bagger rücken immer näher. Die Familie lebt sichtbar in Respekt gegenüber der Natur und schöpft Kraft aus ihren Traditionen. So begleitet Amra den Vater zum Gebetsritual am heiligen Kraftbaum. Und Erdene singt gern für die Familie ein Lied seiner Vorfahren, das Amra auch für den Song Contest vorbereiten will: „Die Adern aus Gold“.

Quelle: Verleih

Deutschland, Mongolei 2020
Regie: Byambasuren Davaa
Darsteller: Bat-Ireedui Batmunkh, Enerel Tumen, Yalalt Namsrai
96 Minuten
ohne Altersbeschränkung


Voraussichtlich ab Donnerstag 26.11.

Curveball

Stell dir vor, es ist Krieg, und alles wegen einer Fälschung der Geheimdienste. Diese Geschichte beruht auf wahrer Begebenheit, allerdings verpackt als grandiose Politsatire. Wie im Vorgänger „Die Zeit der Kannibalen“ zeigt Regisseur Naber ein gutes Gespür für Situationskomik und exzellente Dialoge.


„Eine wahre Geschichte. Leider!“ heißt es im Vorspann unheilschwanger. Die Wahrheit will auch BND-Biowaffenexperte Wolf (Sebastian Blomberg) wissen, der sich 1997 im Irak auf die Suche nach Massenvernichtungswaffen macht. Die UN-Mission wird ergebnislos abgebrochen, womit auch des Agenten Affäre mit der CIA-Kollegin endet. Zwei Jahre später wird der Wissenschaftler in die Chefetage der BND-Zentrale zitiert. In einem Asylbewerberheim behaupte der Iraker Rafid Alwan, er wäre in seiner Heimat an der Produktion von Anthrax-Erregern beteiligt gewesen. Mehr noch: Er wüsste zudem von einem tödlichen Unfall mit Biowaffen. Gemeinsam mit Verbindungsoffizier Retzlaff reist Wolf sofort nach Zirndorf, um den vermeintlichen Informanten zu treffen.

Beim Verhör im schäbigen Zimmer der BND-Außenstelle gibt sich der Iraker in Plauderlaune. Für sein Wissen fordert er aus Sicherheitsgründen eine eigene Wohnung sowie einen deutschen Pass. Die Erzählungen des Informanten klingen indes eher blumig als verifizierbar. Eine Blutprobe von Rafid mit Anti-Körpern könnte den Beweis für Milzbrand-Erreger bringen. Doch allein die Amerikaner verfügen über eine zuverlässige Analyse-Technologie. Für Abteilungsleiter Schatz ist das keine Option, schließlich will seine Behörde der CIA-Konkurrenz einen „Knaller“ präsentieren.
Mit einer schlichten Zeichnung kann Informant „Curveball“ die Agenten doch noch überzeugen: Sie zeigt, wie LKWs als mobile Labore eingesetzt werden, weshalb Beweise von den UN-Kontrolleuren nie gefunden werden konnten. Beim BND knallen die Korken, Kanzler Schröder dankt persönlich. Der Katzenjammer ist groß, als ein Satellitenfoto die ganze Geschichte als Fälschung entlarvt.

Nach den Terroranschlägen vom 11.September ändert sich die Lage dramatisch. Den USA kommt der angebliche Beweis sehr gelegen. Außenminister Colin Powell präsentiert vor der UN die Fälschung als Grund für einen Angriff auf den Irak – und Joschka Fischer schweigt dazu. Der mittlerweile beurlaubte Wolf ist entsetzt. „Was gibt dir das Recht, die Fakten zu verdrehen?“ will er von seiner CIA-Freundin wissen. „Wir machen die Fakten!“ bekommt er als kühle Antwort.

Quelle: Dieter Oßwald / programmkino.de

Deutschland 2020
Regie: Johannes Naber
Darsteller: Sebastian Blomberg, Dar Salim, Virginia Kull
109 Minuten
ab 12 Jahren


Voraussichtlich ab Donnerstag 26.11.

Falling


Nach drei Oscar-Nominierungen will der „Herr der Ringe“-Star und Publikumsliebling Viggo Mortensen zeigen, dass er mehr im kreativen Köcher hat und wirft als Autor und Regisseur seinen Hut in den Ring. Er spielt den sensiblen, schwulen Sohn, dessen autoritärer Vater seine sexuelle Orientierung nie akzeptierte. Die zunehmende Demenz steigert die Schroffheit des sturen Alten und bringt die Geduld seiner Angehörigen bis an die Grenzen. Mit psychologischer Präzision entwickelt Mortensen ein enorm bewegendes, gänzlich kitschfreies Drama, das unter die Haut geht – da könnte glatt die nächste Oscar-Nominierung winken.

„Erik und ich sind die Mutter!“ antwortet John (Viggo Mortensen) geduldig, als sein homophober Vater Willis (Lance Henriksen) wie üblich seine üblen Beleidigungen liefert und abschätzig nach dem Wohlergehen seiner adoptierten Enkeltochter fragt. Auch für Johns Ehemann Eric hat Willis nur Verachtung übrig: „Aus welchem Teil von Japan kommst du?“ raunzt er ihn an. „Er ist Chinese“, klärt die kleine Tochter auf. Der von Demenz bedrohte Witwer ist aus dem Mittleren Westen angereist, Sohn und Tochter wollen ihn näher um sich haben und nach einem passenden Haus suchen. „Kalifornien ist für Schwanzlutscher!“ kommentiert der mürrische Alte die gut gemeinten Umzugspläne seiner Nachkommen. Selbst vor deren Kindern macht Willis mit seinen Beschimpfungen nicht halt. Doch der Enkel wehrt sich: „Du behandelst jeden wie Dreck!“, wirft er dem Opa vor. Der gibt sich völlig unbeeindruckt. Und bleibt es auch, als John doch noch irgendwann der Kragen platzt: „Glaubst du, du kannst immer sagen was du willst und alle verzeihen dir? Du sagtest nie ‚es tut mir leid’. Oder ‚ich liebe dich’.“ lautet seine bittere Bilanz.

Was leicht zur Klischeenummer hätte geraten können, fängt der 80-jährige Mime Lance Henriksen immer wieder mit Brechungen auf: Ein kurzes Blitzen in den Augen macht deutlich, wie dieser extrem unsympathische Polterer im Elend seiner eigenen Unzufriedenheit gefangen sein muss. Kleine Momente mit der Enkelin deuten an, dass tief verschüttet ein bisschen Zärtlichkeit vorhanden sein muss.
In Zeiten von ansteigendem Hass und Homophobie lässt sich dieses berührende Familiendrama durchaus als Parabel für die Gesellschaft sehen.
Quelle: Dieter Oßwald / programmkino.de

Kanada, Großbritannien 2020
Regie: Viggo Mortensen
Darsteller: Viggo Mortensen, Lance Henriksen, Laura Linney
112 Minuten
ohne Altersbeschränkung


Voraussichtlich ab Donnerstag 26.11.

Ein nasser Hund

Inspiriert vom Roman EIN NASSER HUND IST BESSER ALS EIN TROCKENER JUDE von Arye Sharuz Shalicar wird das beeindruckende Kinodebüt von Damir Lukacevic buchstäblich von Minute zu Minute spannender und behält bei aller Dramatik seine leichte, lockere Erzählweise. Es geht um die authentische Geschichte eines jüdischen Flüchtlings aus dem Iran, der sich in Berlin als Muslim ausgibt, um in seiner arabischen Jugendgang anerkannt zu werden. Die Identitätsfindung eines Jungen vor dem Hintergrund des ungelösten Nahostkonflikts - und eines wachsenden Antisemitismus in Deutschland.

Wenn es ein passendes Genre für diesen Film gäbe, dann wäre das der „tragikomische Realismus“: Der junge Iraner Soheil flüchtet mit seiner jüdischen Familie nach Berlin. Dort, zwischen türkischen und arabischen Jugendlichen, findet er neue Freunde, und bald erkennt er, dass es keine gute Idee ist, sich als Jude zu outen. So passt er sich an, er mischt bei diversen Schandtaten und Diebereien mit und verwandelt sich zum Ärger seiner liebevoll besorgten Eltern auch äußerlich in einen arabischen Jung-Gangster, der immer öfter von der Polizei nach Hause gebracht wird. Als es beinahe zu spät für ihn ist, um einen Weg aus den kriminellen Clans zu finden, fliegt er auf und gerät in Lebensgefahr. Am Ende erkennt Soheil: „Israel hat die gleichen Probleme wie ich!“

Wie aus dem braven Sohn einer jüdischen Familie, der sich eigentlich weder für seine Herkunft noch für Religion interessiert, ein muslimischer Junggangster wird, hat eine beinahe bizarre Komik. Es nützt alles nichts: Für die Muslime ist und bleibt er als Jude ein Todfeind. Für die Normalo-Berliner ist er ein „Kanake“ – irgendein arabischer oder türkischer Bengel von vielen, die irgendwann im Knast landen. Und für die Berliner Juden ist er ein muslimischer Terrorist, der bei seinen Besuchen im jüdischen Gemeindehaus jedes Mal wieder gefilzt wird. Damir Lukacevic macht daraus ein doppelbödiges Lehrstück in Sachen Schubladendenken und Toleranz. Er scheut weder Verunsicherungen noch radikale Bilder und verwirrend unbequeme Fragen, wie z. B.: Was ist antisemitisch daran, wenn ein Jude das Wort „Jude“ an eine Schule sprayt?

Quelle: Gaby Sikorski/ programmkino.de

Deutschland
Regie: Damir Lukacevic
Darsteller: Doguhan Kabadayi, Kida Khodr Ramadan, Mohammad Eliraqui
103 Minuten
ab 12 Jahren


Voraussichtlich ab Donnerstag 26.11.


Voraussichtlich ab Donnerstag 26.11.

The Nest - Alles zu haben ist nie genug

„Martha Marcy May Marlene“ war anno 2012 ein Überraschungserfolg – oder zumindest eine große Entdeckung der Filmkritik, die nachhallte. Nun, acht Jahre später, empfiehlt sich Regisseurs Sean Durkin erneut mit sinnlich-verstörender Bildästhetik, unaufgeregter Erzählweise, magischen Momenten und subtiler Botschaft. Jude Law glänzt als Familienvater, der von der Angst „zu kurz zu kommen“ getrieben zu einer beängstigenden Stumpfheit gelangt. Entmenschlicht uns das Streben nach Glück und Wohlstand?
England, 1986: Nachdem Rory (Jude Law), ehrgeiziger Unternehmer und ehemaliger Rohstoffmakler, seine Frau Allison (Carrie Coon) und die gemeinsamen Kinder davon überzeugt hat, die Komfortzone einer amerikanischen Vorstadt zu verlassen um in seiner alten Heimat einen Neuanfang zu wagen, pachtet er ein völlig entlegenes, jahrhundertealtes Landgut mit weitem Gelände für Allisons heißgeliebte Pferde. Endlich scheinen Rory und Allison alles zu haben, was sie immer wollten. Doch alles ist für Rory nicht genug. Seine Gier wird ihm zunehmend zum Verhängnis und wächst schleichend zu einer immer größeren Bedrohung für seine Ehe und Familie heran...

„The Nest - Alles zu haben ist nie genug“ ist nach "Martha Marcy May Marlene" der zweite Spielfilm des Regisseurs Sean Durkin und feierte seine Premiere beim Sundance Festival 2020, wo er bei Publikum und Kritik von Lob überschüttet wurde. Der Film punktet als vielschichtiger und bildgewaltiger Psychothriller, der anhand des Beispiels einer scheinbar intakten Ehe das brüchige Wertesystems der 1980er Jahre offen legt – doch offensichtlich hat sich in den letzten 30 Jahren wenig in unseren Bestrebungen um Reichtum, Wohlstand und Kapital geändert. Die Gier, einer der sieben Todsünden, kann, so zeigt es Durkin, mit zerstörerischer Kraft die Existenz einer „ganz normalen“ Familie in den Abgrund treiben. Der „fabelhaft-passend“ glatte Jude Law spielt als reueloser Kapitalist Rory in Höchstform und wird dabei von Carrie Coons als seiner Ehefrau Allison gespiegelt. Suspense auf höchstem Niveau, angereichert mit gehaltvollem Subtext und betörenden Bildern. Eine Kritik am Wertesystem unserer Zeit.
Quelle: Verleih

Großbritannien, Kanada 2020
Regie: Sean Durkin
Darsteller: Jude Law, Carrie Coon, Anne Reid


Voraussichtlich ab Donnerstag 26.11.

Was geschah mit Bus 670?

Eine starke Handlung, die von Minute zu Minute mehr an Kraft gewinnt – bis zum schockierenden Ende. Eine Mutter reist ihrem vermissten Sohn hinterher. Er verschwand auf dem Weg von Mexiko in die USA, und sie folgt seinen Spuren, hin- und hergerissen zwischen der Hoffnung, ein Lebenszeichen von ihm zu finden, und der Befürchtung, mit seinem Tod konfrontiert zu werden. Der Debütfilm von Fernanda Valadez ist eine intensive Erfahrung, die erst nach und nach ihre volle Wirkung entfaltet: ein Drama mit Thrillerqualität, inhaltlich und visuell sehr beeindruckend – allerfeinste Filmkunst mit einem hochpolitischen Hintergrund.
Viele junge Leute sind verschwunden – auch Jésus, Magdalenas Sohn, eigentlich noch ein Kind. Vor einiger Zeit verließ er mit seinem besten Freund Rigo das Dörfchen in Zentral-Mexiko, um in die USA zu gehen, in ein besseres Leben. Rigos Leiche wird gefunden, doch von Jésus fehlt jede Spur. Er stieg mit Rigo in den Bus 670, von dort kam das letzte Lebenszeichen der beiden. So beschließt Magdalena, Jésus zu suchen. Sie macht sich auf die beschwerliche Reise in den Norden Mexikos, der Todeszone genannt wird. Sie trifft eine andere Mutter, die ihr Schicksal teilt. Von ihr bekommt sie wertvolle Tipps. Magdalena gibt eine Blutprobe ab, mit der die Identifikation von Toten erleichtert wird. Während sich Magdalena dem gespenstischen Grenzzaun nähert, der die USA und Mexiko trennt, findet sie immer mehr Indizien für das, was mit dem Bus 670 passiert sein könnte.

Fernanda Valadez legt ihren Film formal als Road Movie an – von Station zu Station steigert sie die Spannung, die in einer schockierenden Auflösung gipfelt. Die Dialoge sind ebenso sparsam wie schlüssig, die Bilder zeigen ein Mexiko, das absolut nichts mit den sonnigen Sombrero-Klischees früherer Zeiten zu tun hat. Dafür arbeitet die Regisseurin mit ungewohnten Kameraperspektiven. So gibt es bei Dialogen kaum Gegenschnitte, oft werden die Sprecher von hinten gefilmt, gelegentlich vor einem unscharfen Hintergrund. In dokumentarischer Schärfe werden dagegen, immer aus Magdalenas Sicht, die Zustände an der mexikanischen Grenze gezeigt: eingepackte Leichen werden in Kühlhäuser getragen, Rucksäcke und Taschen, die niemandem gehören, füllen ganze Lagerhäuser.


Quelle: Gaby Sikorski / programmkino.de

Mexiko, Spanien 2020
Regie : Fernanda Valadez
Darsteller: Mercedes Hernández, David Illescas, Juan Jesús Varela
99 Minuten
ab 16 Jahren